Migrationsberatung in Hamburg 20 Jahre Beratung, die wirkt – aber schrumpft!
In diesem Jahr feiern die Bundesprogramme Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) und die Jugendmigrationsdienste (JMD) Jubiläum. Die MBE ist das Nachfolgeprogramm der in den 1970er Jahren eingerichteten Bundesprogramme „Soziale Beratung und Betreuung von Aussiedlern“ und „Ausländersozialberatung“. Mit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes im Jahr 2005 erfuhren die durch den Bund geförderten Integrationsangebote mit der Einführung der Migrationserstberatung eine Neuausrichtung.
Das Beratungsangebot der MBE richtet sich grundsätzlich an erwachsene Zuwanderer*innen mit dauerhaftem Aufenthaltsstatus. Seit dem Inkrafttreten des Chancen-Aufenthaltsrechts am 31.12.2022 gehören darüber hinaus alle Personen mit einer Aufenthaltsgestattung, unabhängig von ihrer Bleibeperspektive, zur Zielgruppe der MBE. Jüngere Zuwanderer*innen werden durch die Jugendmigrationsdienste beraten.
Bei den Beratungsstellen finden Ratsuchende Unterstützung in Fragen des täglichen Lebens, bei Behördenkontakten, zu Deutschkursen, Arbeit und Wohnen sowie zu rechtlichen Aspekten. Jugendmigrationsdienste bieten darüber hinaus Bildungs- und Freizeitangebote an. Einen Schwerpunkt bildet die langfristige, individuelle Begleitung Jugendlicher auf ihrem schulischen und beruflichen Weg. Ziel ist es, die soziale Teilhabe junger Menschen zu fördern und ihre Perspektiven zu verbessern. Eine vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beauftragte Studie des Deutschen Zentrums für Migrations- und Integrationsforschung (DeZIM) kommt zu dem Schluss, dass Migrationsberatung die wirtschaftlichen und psychosozialen Lebenssituationen ratsuchender Menschen verbessert und die Integration in das Ausbildungssystem und den Arbeitsmarkt unterstützt.
Auch in Hamburg leisten die Migrationsberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände einen großen Beitrag dazu, dass Ankunft und Teilhabe gelingen können. Sie tragen durch ihre Arbeit damit maßgeblich zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Aber diese wichtige Infrastruktur für Integration schrumpft! Grund dafür ist eine nicht auskömmliche Finanzierung und schwierige Rahmenbedingungen für die gemeinnützigen Träger, die die Beratung anbieten. Wie ist die aktuelle Situation in Hamburg?
DIE BERATUNGSARBEIT IN HAMBURG AUF EINEN BLICK
Wie ist die Migrationsberatung in Hamburg aufgestellt?
Die Angebote richten sich an unterschiedliche Zielgruppen. Die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte (MBE) richtet sich an neu zugewanderte Personen ab 27 Jahren. Für Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre sind die Jugendmigrationsdienste (JMD) zuständig. Die JMD sind ebenso wie die MBE bundesfinanziert. Bleibeberechtigte Erwachsene, die bereits länger in Deutschland leben, können das Angebot der Integrationszentren (IZ) wahrnehmen, das vom Land finanziert ist. Für Ukrainer*innen wurde im Jahr 2022 vom Land zudem eine Perspektivberatung ins Leben gerufen, die von den Wohlfahrtsverbänden umgesetzt wird. Die sogenannte Landes-MBE läuft Ende 2025 aus.
Wie viele Beratungsstellen gibt es in Hamburg?
In Hamburg gibt es 12 Standorte für Jugendmigrationsdienste und 17 MBE-Beratungsstellen. Das sind vier MBE-Beratungsstellen weniger als noch im Jahr 2023. Die Hamburger Integrationszentren haben im Jahr 2025 eine Neustrukturierung erfahren. Es gibt jetzt 10 Zentren. Zudem werden mobile Beratungsangebote vorgehalten.
Wie viele Personen werden in Hamburg in MBE-Beratungsstellen beraten?
In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Beratungszahlen der MBE-Stellen in Hamburg wie folgt entwickelt:

Das Schaubild zeigt für die Jahre 2015 bis 2023 konstant steigende Beratungszahlen.3 Im Jahr 2024 sinkt die Zahl der in Hamburg beratenen Personen erstmalig seit zehn Jahren. Im Jahr 2024 wurde demnach ein Viertel weniger Personen beraten als noch im Jahr 2023. Da die Beratungsstellen weiter stark ausgelastet sind, führen die Wohlfahrtsverbände den Rückgang der Beratungszahlen weniger auf eine gesunkene Nachfrage infolge rückläufiger Zuzugszahlen im Jahr 2024 zurück, sondern vielmehr auf die geschrumpfte Beratungslandschaft. Die Zahl der Beratungssitzungen ging weniger stark zurück, da die Zahl der Sitzungen pro Klient*in gestiegen ist. Fachkräfte aus der Beratungspraxis erklären dies mit der zunehmenden Komplexität der Beratungslagen.
Beraten werden sowohl EU-Bürger*innen als auch Menschen aus nicht-europäischen Staaten.
Die Anzahl der geflüchteten Personen in der Beratung lag 2024 bei 27 Prozent. Ukrainer*innen sind hierbei nicht mitberücksichtigt. Blickt man auf die Zahl der beratenen Ukrainer*innen, lässt sich feststellen, dass seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022 mehr als 9.800 Ukrainer*innen Unterstützung fanden. Davon wurden allein 3.154 Personen über das Landesprogramm der Stadt Hamburg (Landes-MBE) beraten.
Wie viele junge Menschen werden in Hamburg über die JMD erreicht?
In den vergangenen zehn Jahren haben sich die reinen Beratungszahlen der Jugendmigrationsdienste in Hamburg wie folgt entwickelt:

Das Schaubild zeigt einen konstant steigenden Beratungsbedarf bei den Jugendmigrationsdiensten. Neben den jungen Menschen, die das persönliche Beratungsgespräch suchen, werden viele weitere über Gruppenangebote an Schulen erreicht. So konnten im Jahr 2024 2.190 Schüler*innen in 50 Gruppenangeboten über das Programm Respekt Coaches und weitere 3.489 Schüler*innen in 86 Gruppenangeboten über das Programm der Mental Health Coaches erreicht werden.
FORDERUNGEN AUS HAMBURG
Im Jahr 2024 wurde die MBE mit 77,5 Millionen Euro gefördert – reduziert nach einem Volumen von 81,5 Millionen Euro im Jahr 2023. Der hiermit verbundene Abbau von Beratungskapazitäten in Hamburg spiegelt sich eindrücklich im Rückgang der Beratungszahlen im Jahr 2024 wider (siehe Grafik weiter oben). Der Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung sieht vor, die MBE fortzuführen und auskömmlich zu finanzieren. Im verabschiedeten Haushalt für das Jahr 2025 wurde jedoch eine Nullrunde beschlossen. Angesichts gestiegener Personalkosten ist zu erwarten, dass dies zwangsläufig zu einer weiteren Reduzierung der Beratungskapazitäten führen wird. Für das Jahr 2026 plant die Bundesregierung sogar eine Kürzung der MBE-Mittel auf 77 Millionen.
Zudem führen ungünstige Förderbedingungen dazu, dass Träger aus dem Programm aussteigen oder Stellenanteile reduzieren müssen. Problematisch sind u.a. hohe Eigenanteile durch nicht refinanzierte Personalkosten sowie eine nur einjährige Förderperiode, die keine langfristige Planung erlaubt. In Hamburg haben sich zuletzt vier MBE-Beratungsstellen entschlossen auszusteigen. Insgesamt wird heute im Vergleich zu 2023 mit 16 Prozent weniger Personalstellen beraten. Das betrifft nicht nur die Ratsuchenden, sondern gefährdet auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Stadt. Das Einstellen der Landes-MBE zum Ende des Jahres 2025 wird die Beratungsstruktur in Hamburg zusätzlich belasten.
Bei den Jugendmigrationsdiensten stagnieren die Haushaltsmittel, obwohl der Bedarf wächst. In den Jahren 2022, 2023 und 2024 standen jeweils 68,85 Millionen zur Verfügung. Für 2025 wird von einer Kürzung auf 65,5 Millionen ausgegangen. Sollte es im Jahr 2026 keine Erhöhung geben, droht auch hier ein Abbau von Personalstellen.
Um den Abbau der Beratungslandschaft zu stoppen, fordern die Hamburger Wohlfahrtsverbände:
- Eine gesicherte Finanzierung im Bundeshaushalt. Für das Jahr 2026 sind mindestens 81,5 Mio. Euro für die MBE notwendig. Für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der JMD sind 77 Mio. Euro erforderlich.
- Eine verantwortungsvolle Landespolitik, die ergänzend sicherstellt, dass bestehende Beratungsangebote in Hamburg fortgeführt werden können.
- Mittelfristig müssen die Förderbedingungen verbessert werden – insbesondere in Hinblick auf die nicht ausreichend refinanzierbaren Personalkosten.
- Die Migrationsberatung sollte zudem von einer Projektförderung in eine Dauerförderung überführt werden. Das Ankommen zu unterstützen ist in einer Einwanderungsgesellschaft eine Daueraufgabe und kein jährlich abgrenzbares Projekt.
AGFW Hamburg, September 2025
